21.9.11

Wir haben (keine) Angst

OMG! Ich lese ein Spiegelbild, da ist es: Das Buch zu meiner Generation, die keine sein will, Nina Pauers "Wir haben keine Angst". Die Autorin ist, wie ich, 1982 geboren und beschreibt eingangs ihre kindlichen Eindrücke von der Tschernobyl Katastrophe.

Dass die Welt untergeht, davor haben wir aber immer noch keine Angst, viel mehr davor, dass unsere eigene kleine Welt zerbrechen könnte. In den angsteinflößenden Kapiteln "Arbeit", "Liebe", "Freundschaft", "Eltern" und "Politik" lässt Pauer die Fallbeispiele Anna und Bastian zum Psychologen gehen, zum selben. Und obwohl der Alltag von Anna, der Überfliegerin und Bastian, dem Abhänger unterschiedlich ist, jammern sie auf der Couch doch über die gleichen Ängste nicht zu wissen, was man will, weil man könne ja alles erreichen, wenn man nur wolle, sie, die gut situierten Akademikerkinder, die sich nur sicher fühlen bei ihren engsten Freunden, die nicht wissen, wie sie irgendwann mal ohne die elterliche Bastion überleben sollen und ihre Unsicherheit hinter lässigem Zynismus verstecken.
Immer wieder resümiert die Wir-Erzählerin unsere Situation, die simple Angst davor, falsche Entscheidungen zu treffen und unter der Sinnlosigkeit einfach unterzugehen, aber sie kommt zu dem Ergebnis: Thematisieren hilft. Heulend liegen wir in den Armen unserer Eltern und die dummen TV-Shows gucken wir natürlich nur in der Sicherheit, nicht zur Zielgruppe zu gehören. Das Buch ist aktuell, eine Bestandsaufnahme, die in einem Jahr schon wieder veraltet ist. Gleichzeit ist es aber auch ein wenig nostalgisch, beispielsweise wenn sie über die Einrichtung der ersten Email-Adresse oder den Hits aus den 90ern schreibt. Irgendwie ist alles supidupi, aber trotzdem sind wir gestresst. An der Autorin Nina Pauer gefällt mir, dass ihr Schreibstil nicht überheblich oder beobachtend ist, sondern dass sie einfach beschreibt und zwar auf eine unterhaltsame und absolut treffende Art und Weise. Man hat das Gefühl, sie mag Menschen und da fühle ich mich wohl. Hier kommen meine liebsten Zitate der Gruppentherapie:
"Und auf den ersten Blick würde man von uns auch nicht denken, dass wir großartige Sorgen hätten. Denn wir sind lässig. Wir sind ironisch. Und wir sind nett. Wir haben schöne Bildungsabschlüsse. Wir sehen gut aus. Und sind trotzdem bescheiden. Wir haben tolle Freunde. Wir verstehen uns gut mit unseren Eltern. Wir können fließend Englisch sprechen und mit Computern umgehen. Und wir sind lieb zu Tieren. Eigentlich ist bei uns also alles in bester Ordnung. Eigentlich." (S. 22)
"Alle sind Angebote, laut schweigende Aufforderungen. Alle machen ihr ein schlechtes Gewissen. Der Museumsführer für den Sommer, voller neongrüner Post-Its. Anna hat es zu keiner Veranstaltung geschafft. Die Laufschuhe, extra an ihren Fuß angepasst, die sie nicht benutzt. Der ungelesene Spiegel. Die ungelesene ZEIT. Die ungelesenen brand eins. Die halb gelesenen NEON. Die gelesene Gala." (S. 65)
"Wir wollen dem anderen immer sein bester Freund sein. Sein engster Vertrauter. Aber auch sein heißester Liebhaber. Wir wollen bei ihm klein und groß sein können, stark und schwach, er soll uns von innen kennen und unser Äußeres bewundern. Er soll uns nah sein und uns fremd bleiben. Wir wollen uns bei ihm ausruhen können, aber er sollte uns auch immer wieder neu reizen. Wir haben Angst davor, all das auf Dauer nicht bieten zu können. Oder es nicht zu bekommen. Wir haben Angst davor, dass wir einfach zu viel wollen." (S. 96)
"Und dass wir die Zeit, die sie da mitbekommen haben, irgendwie sexy finden, kann man uns auch nicht mehr ausreden. Die vergilbten Bilder von verplanten Hippie-Menschen, die in ihren Badewannen Bier brauten, sind nun mal einfach cooler als unsere Digitalfotos von in Schlammbowle schwimmenden Zigarettenstummeln. Die alte Lässigkeit ist einfach nicht zu toppen." (S. 184)
Fischer 2011, 198 Seiten, 13,95 €
Danke an den Fischer Verlag für das angeforderte Rezensionsexemplar.

2 Kommentare:

eurasienstar hat gesagt…

Liebe Nina,

das habe ich auch gelesen und fand es Wahnsinn, dass bis hin zu kleinsten Details alles treffend beschrieben ist.Natürlich ist es auch oft etwas verallgemeinernd. Trifft ja nicht Alles auf jeden zu...
Ich hab trotzdem (keine)Angst.

Viele Grüße
Tobias

Fräulein Julia hat gesagt…

Das Buch ist auch schon auf meiner "Must read"-Liste, auch wenn ich mir dadurch letztendlich nur stärker den Kopf über meine Lebenssituation zerbrechen werde. Fluch und Segen unserer Generation zugleich: "Ihr könnt einfach alles machen!"

Falls du etwas ähnliches lesen möchtest, kann ich nur wärmstens Katja Kullmann "Echtleben" empfehlen!