8.2.12

Für den Rest des Lebens

Es muss so rund um mein Abitur gewesen sein, als ein Mann, den ich noch immer sehr schätze, mir "Liebesleben" von Zeruya Shalev schenkte. Ich könnte nicht mehr wiedergeben, worum es in dem Buch ging, aber ich erinnere mich an eine nachhaltig erfassende Beschreibung von Erotik und Hingabe. Drei Werke übersprungen, las ich nun ihren neuen Roman "Für den Rest des Lebens". Die 521 Seiten sind schnell gelesen, weil große Schrift, das mag ich. In letzter Zeit bekam ich meist Ich-Erzählungen unter die Lesebrille, in denen ich mich mit den Protagonistinnen identifizieren konnte. Hier ist es erfrischend einen auktorialen Erzähler vorzufinden, der einen einfängt und begleitet, auch wenn ich anfangs mit den einzelnen Personen ein wenig durcheinander gekommen bin, ich schiebe es auf mein schlechtes Namesgedächtnis. Im Mittelpunkt steht der Wunsch einer Frau einen Jungen zu adoptieren und ihre im Sterben liegende Mutter. Eigentlich ist es aber eine Geschichte über Familien, nämlich die, aus der man kommt und die, die man sich selbst schafft oder abschafft. Welche Kompromisse führen zur Selbstaufgabe und inwieweit ist das merkbar? Es geht um die körperliche Abneigung, wenn Gefühle nachlassen und die geheimen Träume von anderen Eltern, Partnern, Kindern und Leben. Wer sind diese Menschen, die uns umgeben und wie arrangieren wir uns? Es geht um Erwartungen und Enttäuschungen und am Ende immer um Vertrautheit, die alles irgendwie zusammenhält. Fazit: eine Sprache, die einen leicht und wohlig durch die streckenweise schwermütige Geschichte führt, thematisch eher weiblich. Im Rahmen der lit.cologne wird Maria Schrader am 22.03. aus dem Buch lesen. Ein paar Auszüge:

"Warten Sie hier zwei Minuten auf mich, ich komme gleich zurück, sagt er zu dem Fahrer, der vor einem Wohnblock anhält, so lang wie ein Eisenbahnzug, er irrt sich in den Eingängen, wo fängt die Nummerierung an, das ist immer die Frage, vor allem wem du in der Mitte stehst und nicht weißt, wie es weitergeht und ob du dich rückwärtsbewegst, wenn du eigentlich vorwärtsgehen solltest oder umgekehrt." (S. 146)
"Eine wütende Traurigkeit packte sie, wenn sie zu viert am Küchentisch saßen, vor dem Topf mit angebrannten Linsen, fadem Reis, er konnte nur wenige Gerichte kochen und fast immer war das Essen angebrannt, und trotzdem hoffte er jeden Abend auf ein bisschen Dankbarkeit und Bewunderung, und immer wieder enttäuschte er und wurde enttäuscht." (S. 178)
"Als könnte man Liebe messen, wie man Fieber misst, oder sie auf die Waage legen, als könnte sie eines Morgens zum Arzt gehen und sich Blut abnehmen lassen, das dann zur Untersuchung in ein Labor geschickt wird, und eine Woche später kommt das Resultat, soundso viel Liebe ist im Blut, soundso sind die Normalwerte, und dann könnten sie das Ergebnis den Kindern hinhalten, als Beweis für das Gericht?" (S. 442 f.)
Danke an den Berlin Verlag für das Rezensionsexemplar